Wenn ich nach meiner Familie gefragt werde, erzähle ich von meinen gehörlosen Eltern. „Oh… wow, sind beide Eltern gehörlos?“ kommt als häufigste Reaktion, die bei mir zuerst auf Unverständnis trifft. Ja natürlich, denke ich und merke im nächsten Moment, dass Gehörlosigkeit in den Augen der hörenden Menschen eine Einschränkung ihrer Welt bedeuten würde: keine Musik, kein Meeresrauschen, kein Lachen von spielenden Kindern und vieles mehr. Ja, für die Hörenden erscheint Gehörlosigkeit zunächst als Behinderung – eine pathologische Sicht. Es liegt nahe, dass sie davon ausgehen, dass Gehörlosigkeit durch ein einschneidendes Ereignis ins Leben getreten ist, und die Wahrscheinlichkeit, dass beide Elternteile dasselbe Schicksal erlitten hätten, erscheint ziemlich gering. Was die meisten jedoch nicht wissen: Die Gehörlosen verstehen sich als eigenständige Kultur mit einer eigenen Sprache, eigenen Kommunikationsregeln und eigenen gesellschaftlichen Sitten. „Ja, beide Eltern sind von Geburt an taub,“ und dann schiebe ich oft nach: „Gehörlose suchen ihresgleichen. Es ist aufgrund der Kommunikation leichter für einen Gehörlosen mit einem anderen gehörlosen Menschen zusammen zu sein.“
Und wenn ich nun deine Gedanken lesen könnte, kommt dir wahrscheinlich die nächste typische Frage: „Und wie hast du dann Sprechen gelernt?“ – die Antwort auf diese Frage ist mir so schleierhaft wie der fragenden Person selbst. Joah, durch größere Familie, Freunde, Nachbarn, Radio… keine Ahnung, ehrlich gesagt. Wovon ich definitiv keine Ahnung hatte, war die korrekte Anwendung grammatikalischer Regeln wie „der“, „die“, „das“ und Zeitformen. Das war eine herausfordernde Zeit in der Mittelstufe, wo es zunehmend um die Beschreibung von Prozessen und Phänomenen ging. Ob ich darunter gelitten habe? Ja, sicher. Ob ich eine Frühförderung gebraucht hätte? Ja, wahrscheinlich – gab es in den 80/90ern nur eben noch nicht. Während meine Gedanken innerlich ins Politische abstrahierten, schauten mich die löchernden Augen meines Gegenübers an: „….oder nicht, Basti?“ In diesem Moment wurde ich mir wieder meiner Neurodivergenz bewusst und die Frage, die ich auf Nachharken erhielt klang in etwa so: „Das muss ja ein schweres Leben für dich gewesen sein, oder nicht, Basti?“ Während ich diesen Artikel schreibe und diese Frage durch die Hallen meiner Erinnerungen schallt, muss ich stark überlegen, ob ich diese Antwort mit Ja oder Nein beantworten könnte.
Inzwischen liegen knapp 30 Jahre zwischen meiner Kindheit und meinem heutigen Selbst. Als angehender systemischer Berater ist mir bewusst, dass es im Auge des Betrachters liegt, ob ein Umstand als herausfodernd oder fördernd gedeutet wird. Ja, ich könnte meine gesamte Kindheit als extrem herausfodernd beschreiben – oder ich kann es als ein Privileg deuten, als Kind von gehörlosen Eltern aufzuwachsen und meine Story anders erzählen.
Die Story deines Lebens neu oder anders zu erzählen ist ein systemisches Tool, das ich gerne in meinen Beratungs-Sessions anwende. Es hilft, das Erfahrene nicht nur als zu schwer zu betrachten, sondern auch das Gute daran zu sehen und Ressourcen freizusetzen, um das erfahrene Leid sinnvoll und durchaus hilfreich im persönlichen Leben zu integrieren. Wenn du dich als CODA hier angesprochen fühlst oder die geschilderten Erfahrungen in ähnlicher Weise teilen kannst und auf der Suche nach Hilfe bist, bist du bei mir genau richtig.